Doing Memory

Übergriffe auf Flüchtlingsheime, antisemitische Attentate auf Synagogen, bewaffnete mordende Rechtsterrorist:innen, Brandanschläge auf Familien mit Migrationsgeschichte – all das kann uns in den Sinn kommen, wenn wir an rechte Gewalt denken.  

An solche Gewalttaten zu erinnern bedeutet: sie kritisierbar und betrauerbar zu machen, und insbesondere die Betroffenen und ihr Leid anzuerkennen – eine Herausforderung für alle Gesellschaften in Europa und auch für die Wissenschaft. Mit den Praktiken des Erinnerns an rechte Gewalt und ihres Vergessens, dem Doing Memory, haben sich auch vier Workshops in Rostock, Athen, Oslo und London beschäftigt. 


Doing Memory kennenlernen

Erinnerung, rechte Gewalt und Gesellschaft. Wie das zusammen hängt und was Doing Memory überhaupt bedeutet  – der Überblick im Erklärfilm:

Die wichtigsten Begriffe nochmal im Überblick

Doing Memory als Zugang, der

  • Erinnern und Vergessen als konfliktreiche Praxen der Herstellung von Bedeutung über Vergangenes umfasst
  • das, was erinnert wird, in Beziehung setzt zu Gegenwart und Zukunft
  • Fragen aufwirft nach den Akteur:innen des Doing Memory, ihren Interessen, nach Macht, Herrschaft und deren Legitimation
  • eine radikale Multiperspektivität einfordert, um Perspektiven für eine plurale und demokratische Gesellschaft entwickeln zu können
  • rechte Gewalt als ein wichtiges Phänomen der Gegenwartsgesellschaft begreift und dessen historische Kontinuität auch durch die Anerkennung der Opfer und Betroffenen sichtbar macht 
  • eine Politik des Zuhörens als Ausgangspunkt für eine gesellschaftliche Auseinandersetzung einfordert

Dieses Projekt

2018 begannen Tanja Thomas, Matthias N. Lorenz und Fabian Virchow ihre interdisziplinäre Forschung im Bereich der Erinnerungskultur auszuweiten. Sie organisierten Workshops zunächst in Rostock, später aber auch in Athen, Oslo und London. Teilnehmende waren nicht nur Wissenschaftler:innen vielfältiger Fachrichtungen, sondern auch Personen, die als Akteur: innen in die Praktiken eines Doing Memory eingebunden sind: Betroffene, Zeitzeug:innen, Journalist:innen, Aktivist:innen und Künstler:innen aus verschiedenen Bereichen. Das Forschungsteam versprach sich davon nicht nur die Weiterentwicklung wissenschaftlicher Fragestellungen und Diskussionen, sondern auch einen Austausch über verschiedene Sichtweisen und Erfahrungen mit einem Doing Memory an rechte Gewalt in verschiedenen kulturellen Kontexten.

Ein Filmteam hat die Workshops begleitet. Daraus entstanden sind Interviews mit den Workshop-Teilnehmenden. Sie reflektieren das Verhältnis von Doing Memory und Demokratie, teilen Praktiken des Erinnerns und zeichnen Konflikte wie Visionen auf.

Vorgehen

Diese Seite stellt Ergebnisse der Workshops vor und versucht darüber hinaus, einen Einblick in die Theorien und wissenschaftlichen Erkenntnisse über Erinnerungspraxen und Doing Memory zu geben. Verschiedene Oberthemen nehmen Bezug auf die wichtigsten Zusammenhänge von Doing Memory und das Ausmaß rechter Gewalt (in Europa), Demokratie, Konflikte und Probleme im Bereich der Erinnerungskultur, die Perspektive der Betroffenen, verschiedene praktische Erinnerungsformen und -formate sowie Zukunftsvisionen.

Doing Memory verstehen

Ein Überblick der Themen, mit denen sich diese Seite auseinandersetzt:


Die Interviewten im Überblick


Über uns

Doing Memory. Sich mit diesem Thema forschend auseinanderzusetzen hat auch persönliche Gründe. Ein Einblick in die Motivationen der Wissenschaftler:innen hinter dem Projekt.

Die Forscher:innen

Prof. Dr. Tanja Thomas

Tanja Thomas ist Professorin für Medienwissenschaft mit dem Schwerpunkt Transformationen der Medienkultur an der Eberhard Karls Universität Tübingen. In ihrem ersten wissenschaftlichen Projekt Mitte der 1990er Jahre beschäftigte sie sich mit Medien und Rassismus. Ihre Publikationen behandeln seither unter anderem die Konstruktion deutscher nationaler Identität in medialen Öffentlichkeiten, die mediale Verhandlung von Politiken der Migration, die Berichterstattung über die NSU-Morde von 2000 bis 2011, die Möglichkeiten von Partizipation, Sichtbarkeit und Anerkennung in gegenwärtigen Medienkulturen.

Prof. Dr. Fabian Virchow

Fabian Virchow ist Soziologe und Politikwissenschaftler an der Hochschule Düsseldorf. Seit dreißig Jahren befasst er sich mit Weltanschauung, Geschichte, Performanz und Gewalt der extremen Rechten sowie den gesellschaftlichen Ursachen beziehungsweise Reaktionen darauf. An der Hochschule Düsseldorf leitet er seit 2010 den Forschungsschwerpunkt Rechtsextremismus/Neonazismus (FORENA). In seinen Veröffentlichungen befasst er sich unter anderem mit theoretischen und methodischen Fragen der Forschung zur populistischen/extremen Rechten, zu Medien und Rechtsextremismus sowie zu Praxen der Erinnerung an rechte Gewalt.

Prof. Dr. Matthias Lorenz

Matthias Lorenz ist Professor für Neuere deutsche Literatur und Komparatistik an der Leibniz-Universität Hannover. Die Frage, wie Literatur als Austragungsort sowohl von Distinktion und Konflikt wie auch von Austausch und Integration fungiert, grundiert viele seiner Arbeiten, zu denen unter anderem Monografien über literarischen Antisemitismus, die Kunstfreiheit in der Demokratie und postkoloniale Intertextualität sowie das „Lexikon der ‚Vergangenheitsbewältigung‘ in Deutschland“ zählen.

Birgül Demirtaş studierte Sozialpädagogik/Soziale Arbeit sowie Empowerment Studies im Master an der Hochschule Düsseldorf und ist rassismuskritische Bildungsreferentin bei IDA NRW. Ihre Schwerpunkte sind u.a. Rassismus(-kritik), rechte sowie rassistische Gewalt aus der Betroffenenperspektive und Antimuslimischer Rassismus.

Als Zeitzeugin im Zusammenhang mit dem Solinger Brandanschlag führte sie 2006 erste Gespräche mit Betroffenen rassistischer Gewalt, recherchierte deren Erfahrungen und dokumentierte sie. Ihre Qualifikationsarbeit zum Thema „Der Brandanschlag in Solingen und seine Wahrnehmung durch die zweite Generation von türkischstämmigen Migranten“ wurde 2016 vom Landesintegrationsrat NRW publiziert. Als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Rahmen des Doing Memory Projekts intensivierte sie ihre Recherchen und forschte 2018 am Forschungsschwerpunkt Rechtsextremismus und Neonazismus an der Hochschule Düsseldorf weiter zum rassistischen Brandanschlag von Solingen sowie zum Pogrom in Rostock-Lichtenhagen. Zudem war sie 2020 dort als Lehrbeauftragte tätig. Sie lehrte zu Themenfeldern Rassismus(kritik) und Betroffenenperspektive und machte die marginalisierten Stimmen betroffener Menschen aus Solingen und der Kölner Keupstraße bei öffentlichen Veranstaltungen in Kooperation mit dem Jungen Schauspielhaus Düsseldorf hörbar und sichtbar. Seit Anfang 2020 baut sie bei IDA-NRW den neuen Fachbereich Re_Struct mit auf. Ziel von Re_Struct ist es, Organisationen und Träger der politischen Bildungsarbeit im Umgang mit Rassismus und Mehrfachdiskriminierung sowie bei der Etablierung rassismuskritischer und migrationspädagogischer Ansätze zu beraten und zu qualifizieren.

Publikationen:

Demirtaş, B. (2016). Der Brandanschlag in Solingen und seine Wahrnehmung durch die zweite Generation von türkischstämmigen Migranten. Landesintegrationsrat NRW (Hrsg.).

Demirtaş, B. (2020). Erinnerungsarbeit nach rassistischen Anschlägen am Beispiel Solingen. In: Kontinuitäten und neue Perspektiven. Von der Antirassismusarbeit zur Rassismuskritischen Bildungsarbeit. Informations- und Dokumentationszentrum für Antirassismusarbeit e. V. (Hrsg). Demirtaş, B. & Büyükmavi, M. (2020). Perspektiven auf eine rassismuskritische Praxisentwicklung in Institutionen. In Dokumentation des IDA-NRW-Fachtags „Institutionellen Rassismus erkennen — Rassismuskritik institutionalisieren, aber wie?“: Überblick – Zeitschrift des Informations- und Dokumentationszentrums für Antirassismusarbeit in Nordrhein-Westfalen (Hrsg.).

Steffen Rudolph ist Kulturwissenschaftler und war bis 2019 als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Eberhard Karls Universität Tübingen in das Projekt „Rechte Gewalt und Erinnerungsarbeit in Deutschland“ eingebunden. In seiner Forschung beschäftigt er sich unter anderem mit der Reproduktion sozialer Ungleichheiten in digitalen Medienkulturen und ist an Fragen nach der medialen Verhandlung der Shoah sowie rechter Gewalt nach 1945 interessiert.

Mehr erfahren?

Lorenz, Matthias N./Tanja Thomas/Fabian Virchow (Hrsg.) (2021): Rechte Gewalt erzählen. Doing Memory in Literatur, Theater und Film (=LiLi: Studien zur Literaturwissenschaft und Linguistik, Bd. 1), Stuttgart/Weimar: J.B. Metzler (i.E.)

Lorenz, Matthias N. (2021): Rechte Gewalt in der deutschen Literatur als Thema und Aufgabe der Germanistik. Literaturwissenschaftliche Perspektiven auf die Erschließung eines Forschungsfeldes. In: Matthias N. Lorenz/Tanja Thomas/Fabian Virchow (Hrsg.): Rechte Gewalt erzählen. Doing Memory in Literatur, Theater und Film (=LiLi: Studien zur Literaturwissenschaft und Linguistik, Bd. 1), Stuttgart/Weimar: J.B. Metzler (im Erscheinen).

Lorenz, Matthias N. (2018): Erinnerungslücken. Zeitgeschichte in der gesamtdeutschen Literatur am Beispiel rechter Gewalt. Eine erste Bestandsaufnahme. In: AION. Annali dell’Università degli Studi di Napoli „L’Orientale“ XXVIII, H. 1-2, 251-274.

Rudolph, Steffen/Tanja Thomas/Fabian Virchow (2019): Doing Memory and Contentious Participation: Remembering the Victims of Right-Wing Violence in German Political Culture. In: Stehling, Miriam/Tanja Thomas/Merle Marie Kruse (eds.) (2019): Participation and Media in Post-Migrant Societies. London/New York: Rowman & Littlefield, 181-196.

Thomas, Tanja/Lorenz, Matthias N./Virchow, Fabian (2021): Das Pogrom Rostock-Lichtenhagen. Perspektiven eines Doing Memory. Berlin: Metropol (i.Vb.)/englische Version:  New York/Oxford: Berghan Books.

Thomas, Tanja/Fabian Virchow (2021): Hegemoniales Hören und Doing Memory an rechte Gewalt Verhandlungen politischer Kultur der Bundesrepublik in (medialen) Öffentlichkeiten. In: Seeliger, Martin/Sebastian Sevignani (Hrsg.): Ein neuer Strukturwandel der Öffentlichkeit? Sonderband Leviathan (under review).

Thomas, Tanja (2020): ‚A turn to listening‘? – Zu Potenzialen eines Konzepts am Beispiel marginalisierter Erinnerung  in Medienkulturen. DFG Symposium, Full Paper, aufgrund der Corona Pandemie verschoben, Publikation geplant.

Thomas, Tanja/Virchow, Fabian (2018): Praxen der Erinnerung als Kämpfe um Anerkennung. Zu Bedingungen einer gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit rechter Gewalt. In: Tina Dürr/Reiner Becker (Hrsg.): Leerstelle Rassismus? Analysen und Handlungsmöglichkeiten nach dem NSU. Frankfurt/M.: Wochenschau: 156-168.

Virchow, Fabian/Thomas, Tanja (2021): Doing Memory an rechte Gewalt im Medienkulturen. Grundzüge eines interdisziplinären Forschungsprogramms. In: Matthias N. Lorenz/Tanja Thomas/Fabian Virchow (eds.): Rechte Gewalt erzählen. Doing Memory in Literatur, Theater und Film (=LiLi: Studien zur Literaturwissenschaft und Linguistik, Bd. 1), Stuttgart/Weimar: J.B. Metzler (i.E.).

Virchow, Fabian/Thomas, Tanja (2018): Doing Memory und Rechte Gewalt. Erinnern und Vergessen als Praxis und Ausgangspunkt für postmigrantisches Zusammenleben. In: Jalta 2/2018. Positionen zur jüdischen Gegenwart, herausgegeben von Micha Brumlik/Marina Chernivsky/Max Czollek/Hannah Peaceman/Anna Schapiro/Lea Wohl von Haselberg, 60-64.


Förderung

Dieses Projekt wurde von der Volkswagenstiftung gefördert.